19. Kapitel
Der Zug kam kreischend an dem kleinen, altertümlichen Bahnhof zum Halten, und die Türen gingen auf, damit die Passagiere aussteigen konnten.
Adam bot Lea seine Hand und half ihr beim Aussteigen.
»Ich war schon mal hier«, sagte Lea, rieb sich die kalten Hände und schob sie dann in die geräumigen Taschen ihres grauen Mantels. »Für die Highland Games. Aber das war im Sommer, da war's hier natürlich nicht so kalt.«
Adam sagte nichts dazu, sondern führte sie wortlos den Bahnsteig entlang zu einem Parkplatz, der von Eichen überschattet wurde. In den kahlen Ästen saßen kleine zwitschernde Amseln.
»Ein Vater und sein Sohn sind gegeneinander im Hammerwerfen angetreten«, fuhr sie unbekümmert fort. »Und Pitlochry hat in der Frauenstaffel gegen Dunkeid verloren.«
Wie konnte sie nur so fröhlich sein?, überlegte Adam.
Ihre Wangen waren rot von der Kälte, und ihre Augen strahlten. Hatte sie vergessen, warum sie hier waren? War.so etwas überhaupt möglich?
Und wieso regte er sich überhaupt auf?
»Natürlich gab's auch ein paar Dudelsackgruppen, alle in Kilts und Sporran. Laut und schön.«
»Du scheinst ja blendende Laune zu haben«, bemerkte er. Warum konnte er sie nicht einfach lassen? Vermutlich wollte sie nur für einen Moment vergessen, in welchen Schwierigkeiten sie steckten. Oder wollte er, dass sie Angst hatte, damit er den Beschützer spielen konnte? Einfach lächerlich. Trotzdem war ihm allein der Gedanke unangenehm.
Zum Glück ging Lea nicht auf seine Bemerkung ein.
»Du hast mir noch immer nicht gesagt, wer diese Helena ist«, sagte sie.
Adam schaute sich auf dem Parkplatz um. Nichts, außer einem roten Peugeot. Helenas silberner P.ange Rover war nirgends zu sehen. Seltsam, sie war doch sonst nie unpünktlich.
»Hörst du mir überhaupt zu?«, beschwerte sich Lea. Die gute Laune schien er ihr zumindest schon mal verdorben zu haben. Zufrieden war er zwar nicht deswegen, oder vielleicht nur ein kleines bisschen ... nicht, weil sie nun nicht mehr lächelte, sondern weil sie sich jetzt wenigstens den Umständen entsprechend benahm. War es das?
Es gefiel ihm nicht, wenn sie sich nicht seinen Erwartungen entsprechend verhielt? Erbärmlich, aber immer noch besser als der Gedanke, er wolle sie klein halten, damit er den Helden spielen konnte.
»Eigentlich nicht«, sagte er zerstreut. Er hatte gerade entdeckt, dass er eine neue Nachricht von Cem bekommen hatte.
»Oh nein, das lässt du schön bleiben!«, murmelte Lea.
Adam zog eine Augenbraue hoch und wollte schon mit ihr zu streiten anfangen - um ehrlich zu sein, er brannte darauf als er merkte, dass sie gar nicht mit ihm redete.
Sie stürmte auf den roten Peugeot zu, und ihre Haltung erinnerte ihn an einen Racheengel. Gnade Gott demjenigen, der ihr in die Quere kam!
Was stellte sie jetzt wieder an? Hastig folgte er ihr. Als er Lea erreichte, beugte sie sich gerade zum Fahrerfenster herunter. Ein junger Bursche saß hinter dem Steuer.
»Verzeihung, aber du hast das hier fallen lassen!«
Sie hielt dem verdutzten Teenager eine Bierdose hin.
Dieser verzog das Gesicht. »Schwirr ab, und kümmere dich um deinen eigenen Kram.«
Adam hoffte, dass die Sache damit erledigt sei, aber weit gefehlt! Sie besaß tatsächlich den Nerv, dem Jungen ins Gesicht zu lachen.
»Ich finde, den Planeten vor irgendwelchen Ignoranten zu schützen, die ihren Müll in die Gegend kippen, ist ein ganz guter Zeitvertreib. Also bleibe ich hier stehen, bis du die Dose in die nächste Tonne geworfen hast.«
Der Junge wurde rot vor Wut. Na toll, dachte Adam.
Jetzt musste er den Knaben auch noch vermöbeln. Als er sah, dass der Jüngling Anstalten machte, aus dem Auto auszusteigen, trat er vor und schob Lea beiseite.
»Ich würde schön sitzen bleiben, wenn ich du wäre.«
Der Junge hatte ihn bis dahin noch gar nicht bemerkt.
Sein Blick huschte zum Beifahrersitz.
Was für ein Dummkopf.
»Falls du das Messer suchst, es schaut unter dem Sitz hervor. Aber ich kann dir versprechen, dass du mit blutiger Nase in deiner Blechschüssel sitzt, bevor du es schaffst, dich auch nur danach zu bücken.«
Der Bursche ließ den Türgriff wieder los. Er schien klüger zu sein, als er aussah. Adam war beinahe enttäuscht.
Beinahe.
»Also, warum tust du uns jetzt nicht allen den Gefallen und nimmst deine Bierdose wieder zurück?«
Lea trat um Adam herum und reichte dem Knaben die Bierdose, die dieser wortlos entgegennahm.
»Danke!«, sagte Lea lächelnd. »Und vergiss nicht: Die kann man recyceln.«
Die kann man recyceln? Diese Frau kannte wirklich keine Grenzen. Zornig packte er sie am Arm und führte sie von dem roten Peugeot weg. Er zählte innerlich bis fünf, um sich ein wenig zu beruhigen, bevor er sprach. Aber sie kam ihm zuvor.
»Ich hatte alles im Griff, du hättest nicht den Helden spielen müssen!«
Adam glaubte sich verhört zu haben. Er blieb abrupt stehen. »Alles im Griff? Der wollte aussteigen!«
»Na und?« Lea stemmte die Hände in die Hüften. »Dem hätte ich in den Arsch getreten!«
In den Arsch getreten? »Wieso läufst du herum und provozierst Männer wegen ein bisschen Abfall? Du riskierst wegen einer lächerlichen Bierdose deinen Hals!«
»Lächerlich? Das ist Umweltverschmutzung! Und wer dabei tatenlos zuschaut, macht sich zum Mittäter.«
Adam fing ihre Hand ein, um sie davon abzuhalten, ihn noch einmal in die Brust zu pieksen.
»Mag sein, aber deswegen musst du dich doch nicht in Gefahr bringen!«
»Hör auf mir ständig vorzuschreiben, was ich tun oder nicht tun kann!« Lea wurde nun deutlich lauter. »Ich kann sehr gut selbst auf mich aufpassen!«
Adam machte ein skeptisches Gesicht, was sie noch mehr erboste. Diese Frau war völlig unmöglich ... einfach unmöglich! Das Beste war, sie einfach zu beschwichtigen, und fertig.
Nein, nein und noch mal nein!
»Ach, du kannst auf dich selbst aufpassen, ja? Warum muss ich dir dann ständig das Leben retten?«
»Ständig?«
»Adam?«, rief eine Frauenstimme.
Adam wandte sich um und sah seine Schwester aus ihrem silbernen Range Rover aussteigen. Lächelnd winkte sie ihm zu. Er ließ Leas Hand los und wollte gerade ebenfalls winken, als sich plötzlich von hinten ein Fuß um sein Standbein schlang. Ehe Adam reagieren konnte, lag er mit dem Gesicht voran im Staub.
Lea hielt sich nicht weiter bei ihm auf, sondern ging rasch auf die Frau zu, die Helena sein musste. Ein kluges Manöver, befand Adam zähneknirschend, denn er hätte ihr nämlich ansonsten den Hals umgedreht.
»Das war ein kluger Schachzug.«
Lea musterte die schöne Frau neugierig. Dichtes, glänzendes braunes Haar, makellose, elfenbeinweiße Haut, hohe Wangenknochen, warme blaue Augen. Eine Frau, die alle Frauen beneideten. Eine Frau, die einem Mann wie Adam gefallen musste. Lea verspürte einen Stich. Wie kam sie ausgerechnet darauf?
»Nicht ganz fair von mir, ich weiß, aber er musste mal lernen, dass er mir nicht andauernd Vorschriften machen kann! Er behandelt mich, als wäre ich noch ein Kind.«
»Er hat einen starken Beschützerinstinkt«, sagte die Schönheit. »Sie müssen ihn irgendwie in ihm geweckt haben.«
Lea wurde immer eifersüchtiger. »Sie kennen ihn wohl sehr gut?«
Die Frau lachte. Selbst ihr Lachen war perfekt. Konnte man jemanden hassen, bloß weil er perfekt lachte?
»Das will ich hoffen! Er ist schließlich mein Bruder.«
Das musste Lea erst mal verdauen, doch dafür blieb ihr leider keine Zeit, denn in diesem Moment schlang sich ein Arm von hinten um ihre Taille. Adam klemmte sie sich wie eine Bettrolle unter den Arm, sagte zu seiner Schwester: »Du entschuldigst uns bitte einen Moment?«, und trug Lea davon.
Lea war so schockiert, dass sie im ersten Moment überhaupt nicht an Gegenwehr dachte. Als es ihr in den Sinn kam, dass sie sich wehren könnte, setzte er sie bereits wieder ab, so unvermittelt, dass sie auf dem Boden landete. Sie wischte sich das Haar aus dem Gesicht und schaute mit großen Augen zu ihm auf.
»Das reicht jetzt«, knurrte Adam und drohte ihr mit dem Finger, als wäre sie ein ungehorsames Schulmädchen.
»Du hörst jetzt auf damit! Du hörst auf, dein Leben leichtsinnig aufs Spiel zu setzen, und du wirst tun, was man dir sagt, verstanden?«
Lea atmete tief ein und versuchte verzweifelt, ihr Lachen zu unterdrücken.
»Hast du verstanden, Lea?«
Gott, er war wirklich zu komisch, wie er da so über ihr stand und ihr die Leviten las, als wäre sie ein kleines Kind.
Sie konnte sich nicht mehr beherrschen.
Adams Augen weiteten sich, als er sie lachen hörte.
»Das kann nicht dein Ernst sein!«
Lea hob abwehrend die Hände. »Enentschuldige!«
Ein seltsamer Ausdruck trat auf sein Gesicht, ein Ausdruck, den Lea nicht zu deuten wusste. Und der sie schlagartig ernüchterte.
»Du musst so ziemlich die seltsamste Frau sein, die mir je untergekommen ist«, sagte er leise.
Lea schaute blinzelnd zu ihm auf. Wenn jetzt jemand ein Foto machen würde, was würde man sehen? Ein Mann und eine Frau, mitten auf einem Parkplatz, der Mann über der Frau aufragend. Die Bäume rauschten, die Frau konnte kaum atmen ...
Nein, nach Lachen war Lea jetzt nicht mehr zumute.
Um ehrlich zu sein, sie verspürte ein klein wenig Angst.
Er durfte ihr nicht so viel bedeuten. Nicht gut. Gar nicht gut.
Er brach den Bann, indem er ihre Hand nahm, um ihr aufzuhelfen. Aber er rührte sich nicht, sondern starrte ihr weiterhin tief in die Augen.
»Wir müssen Sara finden«, platzte Lea heraus, als sie die Spannung nicht mehr aushielt. Es funktionierte. Als hätte sie einen Schalter umgelegt, kam sofort wieder der sachliche Agent zum Vorschein, den sie kannte. Er wandte sich ab und ging zu seiner Schwester zurück. Lea folgte ihm erleichtert.
»Hast du die Adressen für mich rausgefunden?«, fragte er seine Schwester ohne Umschweife. Helena musterte Lea.
»Ja, es ist nicht weit von hier. Wir können zu Fuß hingehen. Aber zuerst muss mir Lea noch was unterschreiben.«
»Was denn?« Lea folgte den Geschwistern zu dem Range Rover, der gleich neben der Einfahrt zum Parkplatz stand.
Helena machte die Fahrertüre auf, beugte sich hinein und tauchte mit einem Dokument und einem Füllfederhalter wieder auf.
Wer benutzt heutzutage noch Füllfederhalter?, fragte sich Lea verdutzt.
Als sie sah, dass Adam die Stirn runzelte, wurde sie ein wenig nervös. Was wollte die Frau von ihr?
»Lea, ich weiß nicht, wie Sie von uns erfahren haben oder wie viel Sie über uns wissen. Sie wissen es vielleicht nicht, aber bei uns ist es striktes Gesetz, dass kein Mensch ...«
»... von eurer Existenz erfahren darf«, ergänzte Lea. Sie wusste von diesem Geheimhaltungsstatut, Liam hatte ihr davon erzählt. Als sie erfuhr, dass Liam der Geist eines Vampirs war, hatte sie es zunächst nicht glauben wollen.
Dann war sie furchtbar neugierig geworden und hatte ihn mit Fragen gelöchert. Und später dann hatte sie Angst bekommen und nichts mehr davon hören wollen. Ihre Geister hielten sie genug auf Trab, sie wollte nicht auch noch mit dem Bewusstsein leben, dass bluttrinkende Wesen die Welt bevölkerten. Obwohl, seit sie Adam kannte, hatte sich ihre Einstellung zu diesen ›bluttrinkenden Wesen‹ ein wenig geändert...
Helena war erfreut. »Gut, denn unter normalen Umständen müssten wir jetzt sofort Ihr Gedächtnis löschen.
Aber da mein Bruder Sie, wie er sagt, noch für die Lösung dieses Falls braucht, habe ich mir eine Zwischenlösung einfallen lassen.«
Zwischenlösung? Was sollte das heißen, Zwischenlösung? Lea blinzelte. Eine Schneeflocke war auf ihrer Wimper gelandet. Sie rieb sich die Augen und schob die kalten Hände wieder in die Manteltaschen.
»Was soll das heißen?«
»Vampire dürfen einmal in ihrem Leben einen Menschen wählen, an dem die Transformation vollzogen wird«, erklärte Helena. Sie klemmte sich die Papiere unter den Arm, zog ihre beigen Lederhandschuhe aus und reichte sie Lea. Als sie sah, dass diese protestieren wollte, sagte sie achselzuckend: »Nehmen Sie sie ruhig. Ich spüre die Kälte nicht so wie Sie.«
Lea nahm sie. »Was für eine Transformation? Davon habe ich noch nie was gehört.«
Adam war es, der ihr die Sache erklärte. »Es gibt eine Formel, einen Trank, mit dem man einen Menschen in einen Vampir verwandeln kann. Als wir darauf kamen, beschlossen wir, dass jeder Vampir nur einen Menschen dieser Prozedur unterziehen darf, und das auch nur mit dessen Zustimmung.«
Lea versuchte das zu verdauen.
Das war also die ›Formel‹, von der die Rede war! Ein Trank, der einen Menschen in einen Vampir verwandelte. Lea wurde ganz flau im Magen, als ihr klar wurde, wie ernst die Situation war.
Wenn die Formel gestohlen worden war, konnten Menschen auch gegen ihren Willen zu Vampiren gemacht werden.
»Sie müssen das unterzeichnen, Lea. Da steht, dass Sie bereit sind, sich der Transformation zu unterziehen.« Als sie Leas erschrockenes Gesicht sah, fuhr sie eilends fort: »Das an sich bedeutet noch gar nichts. Sie sind damit nur ein Kandidat für die Transformation, Sie dürfen jederzeit noch einen Rückzieher machen. Aber als Kandidat dürfen, ja müssen Sie von unserer Existenz wissen.«
»Und das ist alles? Mehr muss ich nicht tun?«, fragte Lea skeptisch. Das schien ihr alles zu einfach.
»Nein. Sie unterschreiben. Und Wenn Sie sich dann gegen die Umwandlung entscheiden, wird Ihr Gedächtnis gelöscht.«
»Alles?«, fragte Lea erschrocken.
»Nein, natürlich nicht!«, sagte Helena lächelnd. »Nur Ihre Erinnerungen an Vampire. Keine Sorge, Lea, wir haben Spezialisten, die so was machen. Alles andere in Ihrem Kopf bleibt unangetastet, mein Wort drauf.«
Sie würde sich nicht mehr an Vampire erinnern? Was bedeutete das konkret? Lea überlegte. Sie würde sich nicht mehr an McLeod erinnern. Nicht mehr an Helena ... nicht mehr an Adam.
»Liam! Ihr könnt mir nicht die Erinnerung an Liam wegnehmen, er ist mein bester Freund!«, rief sie.
Helena warf Adam einen verwirrten Blick zu.
»Liam ist ein Vampirgeist«, erklärte er.
»Aha.«
Helena nickte höflich. Dass sie das für Unsinn hielt, war offensichtlich. »Ihre Erinnerung an Liam lassen wir Ihnen natürlich. Okay?«
Traurig nickte Lea. Warum sie traurig war, darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. »Okay.« Sie nahm das Dokument und den Füller und unterschrieb, bevor sie es sich anders überlegen konnte.
Lea starrte noch ihre Unterschrift an, als Adam ihr plötzlich Papiere und Füller aus der Hand nahm.
»Adam!«, rief Helena, aber er achtete nicht auf sie.
Er unterschrieb unter Leas Namen.
Helena seufzte. »Na dann, ich gratuliere. Jetzt seid ihr offiziell so lange miteinander verbunden, bis Lea aus dem Kontrakt aussteigt.«
»Was soll das heißen, verbunden?«, fragte Lea erschrocken.
Helena verstaute die Papiere im Wagen, knallte die Wagentüre zu und ging davon. »Und warum ist sie sauer?«
Adam nahm sie beim Arm und zog sie hinter seiner Schwester her.
»Es bedeutet, dass du jetzt offiziell meine Kandidatin für die Umwandlung bist. Und das bedeutet, dass ich für dich verantwortlich bin.«
Das klang gar nicht gut. Was sollte das heißen? »Verantwortlich im Sinne von, ich hab dir zu gehorchen?«
Adam blieb abrupt stehen und schaute sie mit seinem intensiven Blick an. »Nein, es bedeutet, wenn du ein Gesetz brichst, muss ich dafür bezahlen. Also bitte benimm dich!«